von Arthur Moeller van den Bruck
I.
Zur Politik gehören ein Mann und eine Sache.
Aber es iſt überaus ſelten, daß die beiden zuſammenkommen. Im deutſchen Volke
hat es niemals an Männern gefehlt. Es fehlt auch heute nicht an ihnen. Und wenn
es ein Volk auf der Erde gibt, das ſich ſelbſt zu ſeiner eigenſten Sache
geworden iſt, zur Sache ſeiner Freiheit, ſeiner Rettung, ſeines Lebens
ſchlichthin, dann iſt es das deutſche Volk. Nur liegt darin noch nicht die
geringſte Gewähr, daß dieſe deutſche Sache jemals von uns gewonnen werden wird.
Es gibt Völker, die ihren Untergang finden, indem ſie ihrem Untergange zu
entgehen ſuchen. Und eine Sache iſt zu denken, eine beſte Sache, die alle
Anwartſchaft hat, und die gleichwohl verloren wird, weil man ſie immer nur
parlavernd anfaßte, wovon wir nicht weiter ſprechen wollen, oder aber, und im
Gegenſatze dazu, aktionsverſeſſen, überſtürzend und vorwegnehmend, kopfüber und
kopflos, wovon wir hier um ſo nachdrücklicher ſprechen müssen. Die deutſche
Sache iſt eine politiſche Sache, die politiſch gewonnen ſein will.
Eben dies möchte ein Mann, welcher nur Mann iſt nicht gelten laſſen. Der Mann
iſt von Natur ein Verächter der Politik, wie er ein Verächter der Probleme iſt,
und übrigens auch ein Verächter des Geldes, der Wirtſchaft und aller, wir geben
dies zu, ſehr eklen Dinge, die aber immerhin zu den Lebensnotwendigkeiten einer
Nation gehören. Der Mann, der Typ des Mannes, den wir hier meinen, macht ſich
über dieſe Dinge keine Gedanken. In Befehl und Gehorſam löſt ſich ihm das Daſein
in zwei einfache Grundtatſachen auf. Wenn er nur erſt Macht über das Daſein
errungen hat, harte gefeſtete, ſtabiliſierte Macht, die keinen Gegner mehr
aufkommen läßt, dann werden ſich auf dieſer Grundlage, ſo ſchließt er, die
Lebensbedingungen der Nation von ſelber erfüllen laſſen. Aber auch über den
Gegner macht er ſich keine Gedanken, über den innenpolitiſchen Gegner
vielleicht, weil er ihn unmittelbar vor ſich hat, aber über den außenpolitiſchen
Feind ſchon gar nicht, der für ihn »nachher« darankommen ſoll. Dieſer Mann iſt
von ſeinem Leben gewohnt, eine Sache auf ſeinen Willen zu nehmen. Aber Wille iſt
nicht nur ein Impuls. Wille iſt Strategie. Und es gibt nichts, was dem
unpolitiſchen Menſchen ferner läge, der, wenn er ein Mann iſt, eher zum
Landsknechte wird als zum Staatsmanne.
So ſehen wir denn, daß dieſe Männer überall vorſtoßen, dieſe männlichſten Männer
überall vorſtoßen, dieſe männlichſten Männer, ein jeder in ſeinem Machtbereiche,
verquer und widereinander, wie dies deutſch iſt. Sie erheben die Sache der
Nation zur Sache ihrer Fahne. Es ſind deutſcheſte Menſchen, leidenſchaftlich und
durchdrungen von unſerem Schickſal. Aber gerade ſie geben das Beiſpiel eines
deutſcheſten Verhängniſſes. Sie ſind, wer weiß, die Vorform des Lebens in
Deutſchland und dem nächſten Menſchenalter. Aber immer ſehen wir nur, daß ſie
beſtätigen, wie ſehr eine Sache vom Manne verfehlt wird, die nur vom Staatsmanne
erfaß werden kann.
Mit dem Manne allein iſt es nicht getan. Und mit der Sache allein iſt es auch
nicht getan.
Politik iſt: die beiden zusammenzubringen.
Wie iſt der Staatsmann möglich?
II.
Ein Mann iſt Staatsmann niemals nur aus eigenem Genie.
In der Geſchichte einer Nation arbeitet der eine immer dem anderen vor. Der
Zuſammenhang dieſer Geſchichte, der ſich durch die Staatsmänner eines Landes als
ein Zuſammenhang ſeiner Politik fortſetzt, reicht weiter als das Leben des
einzelnen. Die politiſchen Menſchen werden jeweils in dieſen Zuſammenhang
hineingeboren. Sie treten in einen Kreis von politiſchen Erfahrungen ein, die
ihnen aus den Jahrhunderten zufallen. Sie finden diese Erfahrungen bereits vor,
Erfahrungen mit Menſchen, mit Völkern, mit politiſchen Problemen, und bringen
eine politiſche Erbmaſſe mit, die ſie bei deren Anwendung auf ihre Zeit und für
die Löſung ihrer Aufgabe beſonders befähigt. Politik wird zur Überlieferung. Es
iſt nicht ſo, daß ſie die politiſche Begabung erſetzen kann, obwohl dies bei
beſonders politiſchen Nationen zu Zeiten der Fall iſt, wenn der bedeutende
Staatsmann ausbleibt, während imemr noch ein beträchtlicher Erfolg ſich
einſtellt. Aber es iſt ſo, daß Überlieferung die Politik erleichtert, zu ihr
ſchult, auf ſie vorbereitet, und wir brauchen nur die Geſchicke der politiſchen
Völker daraufhin anzuſehen, um zu erkennen, daß die ſogenannten glücklichen
Völker überlieferungsgemäß geführt worden ſind.
Ja, wir müſſen uns Rechenſchaft darüber geben, daß das deutſche Volk eine
derartige Überlieferung nicht beſitzt, und daß ſich aus dieſer
Überlieferungsloſigkeit das Unſtetige, das Wandelbare, das Zerriſſene ſeiner
Geſchichte erklärt und zuletzt ſein Zuſammenbruch. Wir beſaßen eine derartige
Überlieferung im Mittelalter, als unſer Leben eine Einheit war und die in einer
ſtetigen Rompolitik geſchulten Paladine der Kaiſer, die geiſtlichen wie die
weltlichen, die Reichspolitik vertraten und von der einen Hand in die andere
Hand weitergaben. Hernach haben die Hohenzollern in Brandenburg und Preußen eine
ſtetige Hauspolitik als Staatspolitik durchgebildet, die der Vater an den Sohn
weitergab und die bis Friedrich reichte. Aber dann, als die Dynaſtie ſich mehr
und mehr erſchöpfte, und die Herrſcher ſich nach Helfern im Lande und in den
Ständen umſahen, folgte alsbald ein Bruch, und erfolgte gerade von der Seite
her, an der dieſer preußiſche Staat ſeine beſte Überlieferung beſaß: von der
militäriſchen Seite her. Es war nur ſachlich gemeint und ſprach eine
Selbſtverſtändlichkeit der militäriſchen Diſziplin aus, daß der Soldat ſich
nicht um Politik zu kümmern habe. Gneiſenau, Scharnhorſt, Clauſewitz hatten
immer politiſch gedacht. Ihre Geiſtigkeit würde ſich das Politiſche niemals
haben verwehren laſſen. Aber im Verlaufe ihres Jahrhunderts konnte geſchehen,
daß genau ſo, wie darin alles Geiſtige mißverſtanden worden iſt, auch jenes
preußiſche Dogma vom unpolitiſchen Soldaten wortwörtlich genommen wrude und die
Armee ſich in der Tat und aus Grundſatz jenſeits von allem Politiſchen hielt,
lebte, arbeitete. Andererſeits militariſierte ſich die Politik, mechaniſierte
ſich und verſchematiſierte, wurde uniform, indem ſie bürokratiſch wurde, war
inſtinktlos und unlebendig, war ohne Pſychologie, und bei aller Überheblichkeit,
deren Ziviliſten als Diplomaten gegenüber dem Soldaten fähig ſind, war ihre
letzte politiſche Weisheit ſtets das militäriſche Machtmittel. Dies alles
ſtrafte ſich im Weltkriege, als die Staatsmänner völlig verſagten und als
Feldherren, die plötzlich vor politiſche Aufgaben geſtellt wurden, ſie gewaltſam
und gleichſam befehlsmäßig durch Organiſation zu löſen unternahmen, und als ſie,
die unvorbereitet waren, ſich in die für ſie neuen und fremden Gebiete mit
mächtiger Kopfarbeit einarbeiteten und doch überall die Seele der Dinge ſo
verfehlten oder verletzten, daß wir darüber am Ende den Krieg verloren haben. Es
ſtrafte ſich auf der ganzen Linie, daß wir in Deutſchland keine politiſche
Überlieferung beſaßen, die vielleicht nicht vor Epigonentum bewahrt, die aber
vor Dilettantismus bewahrt hätte. Es ſtrafte ſich, daß es den politiſchen
Menſchen nicht gab.
III.
Zwiſchen einem Manne und ſeiner Sache liegt nicht nur die zunächſt immer dunkle
Frage des richtigen Augenblicks, in dem der Schickſalsmenſch eines Volkes
einſetzen muß.
Über den richtigen Augenblick vermag ſich freilich kein Staatsmann
hinwegzuſetzen. Aber ſo entſcheidend der Zeitpunkt iſt, den er ſchließlich
wählt, ſo ſehr hängt er vom Standpunkte ab, den er mitbringt. Von ihm aus vermag
er ſogar ſelber jenen richtigen Augenblick herbeizuführen, indem er die Spannen
je nachdem abkürzt oder hinzieht und ſein Ziel einem Plane unterwirft. Aber
Vorausſetzung für ſeinen Entſchluß iſt immer, nächſt einer höchſten
Verantwortung, eine höchſte Überlegenheit. Vorausſetzung iſt der politiſche
Menſch. Immer iſt es ſo, daß die Geſchicke einer Nation die von Gegenſätzen
zerſpellt wird, an eine letzte Biegung kommen, an der es nur noch zwei Wege für
ſie gibt. Und immer wendet ſich der Wille, die Neigung, das Vertrauen der Nation
bereits einem dieſer Wege zu, bevor er als ſolcher eröffnet wird, wendet ſich
von der Mitte, in der kein Volk ewig verharren kann, wenn es nicht verſinken
ſoll, wendet ſich von dem mittleren Wege, der nur ein Befehl blieb, aber keine
Änderung bringt, nach links oder nach rechts. Hier liegt es an dem politiſchen
Menſchen, der den Dingen einen letzten Nachdruck zu geben hat, daß er ein Gefühl
für die Veränderung mitbringt, die ſich in der Geiſtesverfaſſung der Nation
vollzieht. Er muß ein Vertrautſein mit geiſtigen Bewegungen mitbringen, ihm
freundlichen hier, ihm feindlichen dort, auf deren mehr weltanſchaulichem
Hintergrunde dieſe Veränderungen politiſch vor ſich gehen. Er muß einen Sinn für
Unwägbarkeiten beſitzen, die ſich fein und doch ſchwer in die Stimmungen der
Menſchen einſchalten, einen Sinn, der vor allem die Umlagerung der Gewichte
feſtſtellt. Er muß einen Sinn für Steigen und Sinken der Parteikräfte beſitzen,
für ihr Anſchwellen oder Abſchwellen im Lande, einen Blick für Perſonen, die an
ihren Platz geſtellt ſein wollen, und nicht zuletzt einen Blick für ſich ſelbſt
und für ſeine Machtmittel. Entſcheidend iſt ſein Augenmaß überhaupt, mit dem er
die Bedeutung von Menſchen, die Ertragbarkeit von Zuſtänden, die Reichweite von
Ereigniſſen abmißt und ſich beizeiten über Dichtigkeit oder Brüchigkeit von
Widerſtänden klar wird. Entſcheidend iſt ſein Abſtand zu den Dingen, ein
Abſtand, der Überblick ſchafft und der eben das iſt, was die Nation von ſich aus
und zu ſich ſelber nicht haben kann.
Die Novemberrevolution hatte dieſen Überblick nicht. Sie, die wie jede
Revolution von vorne anfangen wollte, ſetzte ſich über alles hinweg, was nur
durch Einfühlung erfaßt werden kann, die dem politiſchen Menſchen gegeben iſt,
aber nicht dem experimentierenden Menſchen.
Sie überſchätzte die Vernunft, von der ſie annahm, daß ſie als politiſche
Vernunft, von der ſie annahm, daß ſie als politiſche Vernunft mit dem einzelnen
Menſchen geboren werde, und lieferte das Land dem Vernunftrechte aus, das den
Revolutionären ebenſo zeitgemäß wie fortgeſchritten erſchien und nach deſſen
allgemeiner Gültigkeit ſich Deutſchland, wie ſie glaubten, ſchon in der Welt
behaupten würde.
Als die Demokratie verſsagte, der Parlamentarismus und alles, was ſich aus dem
politiſchen Rationalismus ableiten läßt, da hoffte man wohl, daß nunmehr die
Wirtſchaft den Staatsmann ſtellen werde. Aber auch die Wirtſchaft war ohne
politiſche Überlieferung. Die deutſchen Wirtſchafter mißverſtanden die Politik
als Unternehmung und glaubten, ſie wie ein Geſchäft zwiſchen Völkern abwickeln
zu können, während ſie und nicht die Wirtſchaft das Schickſal iſt, das ſich nach
dem hohen Gange einer ihm eigenen Geſetzmäßigkeit an den Staaten erfüllt. Es kam
daher in dem Kreiſe dieſer deutſchen Wirtſchafter höchſtens zu dem Wunſch,
politiſch zu wirken, aber niemals zu dem Entſchluſſe, niemals zu einer
wirklichen Machtergreifung. Und in der Summe zeigte ſich nur, daß man den
politiſchen Menſchen nicht ohne weiteres dadurch herbeizwingen kann, daß man den
geſchäftlich tätigen oder techniſch hervorragenden Mann in ein anderes Gebiet
verſetzt. Überlieferung läßt ſich nicht erſetzen.
Es fragt ſich jetzt, ob Überlieferung ſich nachholen läßt? Wir können nicht in
alle Zukunft auf einen Bismarck warten, der auch keine Überlieferung vorfand,
aber ſich für ſeine Abſichten eines Machtſtaates bedienen durfte und hier mit
der Dämonie ſeiner Menſchenkenntnis einſetzte und mit ſeinen ſonſtigen
ſtaatsmänniſchen Eigenſchaften, die aus der Verwurzelung ſeiner großen Natur im
Lande kamen. Wir müſſen vielmehr mit dem Menſchen und Deutſchen rechnen, der
heute lebt, mit dem Menſchen, der durch alle Erſchütterungen von Weltkrieg und
Umſturz gegangen iſt und der ſich als Deutſcher in dieſer Zeit von den
politiſchen Selbſttäuſchungen ſeines Volkes freigehalten hat.
Es gibt dieſen Menſchen und Deutſchen. Es gibt auch ihn vielleicht erſt in der
Vorform, in der Vorbereitung, in einem erſten Verſuche. Er wird überall
anknüpfen können, wo ſich noch Spuren einer politiſchen Überlieferung in unſerem
Lande erhalten haben, wo es noch politiſche Erbmaſſe gibt, wo in natürlichen
Inſtinkten ein politiſches Menſchentum lebt.
Aber auch Überlieferung iſt einmal entſtanden. Auch der politiſche Menſch iſt
einmal Verwirrungen entſtiegen, die der unpolitiſche Menſch nicht zu meiſtern
verſtand. Und noch immer wurde es ſeine größte Tat, daß er ſeinem Volke, als es
Nation wurde, durch das Beiſpiel der Führung die politiſche Überlieferung
anfänglich ſchuf.