Montag, 11. Mai 2009

(Blaubuch 006) Al Manssür in der Turnhalle.

Damascenus kam in eine große Turnhalle. Zuerst hielt er sie für leer. Aber bald merkte er: an den Wänden standen Menschen, den Rücken in den Saal gewandt, so daß man nur Perücken und rote Ohren sah.

‒ Warum stehen sie und sehen die Wand an? Und warum haben sie so rote Ohren? fragte er seinen Lehrer.

‒ Sie schämen sich, antwortete der Lehrer. Im Leben galten sie für die größten Witzköpfe; nun aber haben sie ihre Dummheit entdeckt.

‒ Was ist dumm?

‒ Dumm ist erstens, wer sich unpraktisch benimmt. Diese haben ihr ganzes Leben geturnt, aber niemals die Kräfte benutzt, die sie sich erworben haben. Dumm ist ferner der, derm es schwer fällt, einfache Dinge zu begreifen, selbstverständliche Dinge oder Axiome, zum Beispiel das Axiom vom Dasein Gottes. Dumm ist auch, wer einen logischen Beweis nicht begreifen kann; wer für gute Gründe unzugänglich ist, keine richtigen Schlußfolgerungen ziehen kann. Die Höhe der Dummheit aber ist, eine tatsächliche Aufklärung nicht aufnehmen zu können. Als die Apostel Thomas darüber aufklärten, Christus, Gottes Sohn, sei von den Toten auferstanden, vermochte er nicht, die Neuigkeit aufzunehmen, weil sie über seinen Horizont ging. Einen solchen Menschen pflegt ihr dickköpfig zu nennen, nicht wahr?

Damascenus antwortete nicht, sondern bekam rote Ohren, denn er sah hinten am Sprungbrett einen Mann, den er an seinem breiten Nacken und kleinen Ohren zu erkennen glaubte.

‒ Wonach siehst du? fragte der Lehrer.

‒ Wer ist der Mann dort?

‒ Er war oder hieß Al Manssür, der Siegreiche, weil er alle Schlachten verlor außer einer: die über sich selber. Von den Griechen wird er Crysoroas genannt, das ist Goldstrom; aber die Römer sagten Johannes von Damaskus.

Sonntag, 10. Mai 2009

Der politiſche Menſch.

von Arthur Moeller van den Bruck

I.

Zur Politik gehören ein Mann und eine Sache.

Aber es iſt überaus ſelten, daß die beiden zuſammenkommen. Im deutſchen Volke hat es niemals an Männern gefehlt. Es fehlt auch heute nicht an ihnen. Und wenn es ein Volk auf der Erde gibt, das ſich ſelbſt zu ſeiner eigenſten Sache geworden iſt, zur Sache ſeiner Freiheit, ſeiner Rettung, ſeines Lebens ſchlichthin, dann iſt es das deutſche Volk. Nur liegt darin noch nicht die geringſte Gewähr, daß dieſe deutſche Sache jemals von uns gewonnen werden wird. Es gibt Völker, die ihren Untergang finden, indem ſie ihrem Untergange zu entgehen ſuchen. Und eine Sache iſt zu denken, eine beſte Sache, die alle Anwartſchaft hat, und die gleichwohl verloren wird, weil man ſie immer nur parlavernd anfaßte, wovon wir nicht weiter ſprechen wollen, oder aber, und im Gegenſatze dazu, aktionsverſeſſen, überſtürzend und vorwegnehmend, kopfüber und kopflos, wovon wir hier um ſo nachdrücklicher ſprechen müssen. Die deutſche Sache iſt eine politiſche Sache, die politiſch gewonnen ſein will.

Eben dies möchte ein Mann, welcher nur Mann iſt nicht gelten laſſen. Der Mann iſt von Natur ein Verächter der Politik, wie er ein Verächter der Probleme iſt, und übrigens auch ein Verächter des Geldes, der Wirtſchaft und aller, wir geben dies zu, ſehr eklen Dinge, die aber immerhin zu den Lebensnotwendigkeiten einer Nation gehören. Der Mann, der Typ des Mannes, den wir hier meinen, macht ſich über dieſe Dinge keine Gedanken. In Befehl und Gehorſam löſt ſich ihm das Daſein in zwei einfache Grundtatſachen auf. Wenn er nur erſt Macht über das Daſein errungen hat, harte gefeſtete, ſtabiliſierte Macht, die keinen Gegner mehr aufkommen läßt, dann werden ſich auf dieſer Grundlage, ſo ſchließt er, die Lebensbedingungen der Nation von ſelber erfüllen laſſen. Aber auch über den Gegner macht er ſich keine Gedanken, über den innenpolitiſchen Gegner vielleicht, weil er ihn unmittelbar vor ſich hat, aber über den außenpolitiſchen Feind ſchon gar nicht, der für ihn »nachher« darankommen ſoll. Dieſer Mann iſt von ſeinem Leben gewohnt, eine Sache auf ſeinen Willen zu nehmen. Aber Wille iſt nicht nur ein Impuls. Wille iſt Strategie. Und es gibt nichts, was dem unpolitiſchen Menſchen ferner läge, der, wenn er ein Mann iſt, eher zum Landsknechte wird als zum Staatsmanne.

So ſehen wir denn, daß dieſe Männer überall vorſtoßen, dieſe männlichſten Männer überall vorſtoßen, dieſe männlichſten Männer, ein jeder in ſeinem Machtbereiche, verquer und widereinander, wie dies deutſch iſt. Sie erheben die Sache der Nation zur Sache ihrer Fahne. Es ſind deutſcheſte Menſchen, leidenſchaftlich und durchdrungen von unſerem Schickſal. Aber gerade ſie geben das Beiſpiel eines deutſcheſten Verhängniſſes. Sie ſind, wer weiß, die Vorform des Lebens in Deutſchland und dem nächſten Menſchenalter. Aber immer ſehen wir nur, daß ſie beſtätigen, wie ſehr eine Sache vom Manne verfehlt wird, die nur vom Staatsmanne erfaß werden kann.

Mit dem Manne allein iſt es nicht getan. Und mit der Sache allein iſt es auch nicht getan.

Politik iſt: die beiden zusammenzubringen.

Wie iſt der Staatsmann möglich?

II.

Ein Mann iſt Staatsmann niemals nur aus eigenem Genie.

In der Geſchichte einer Nation arbeitet der eine immer dem anderen vor. Der Zuſammenhang dieſer Geſchichte, der ſich durch die Staatsmänner eines Landes als ein Zuſammenhang ſeiner Politik fortſetzt, reicht weiter als das Leben des einzelnen. Die politiſchen Menſchen werden jeweils in dieſen Zuſammenhang hineingeboren. Sie treten in einen Kreis von politiſchen Erfahrungen ein, die ihnen aus den Jahrhunderten zufallen. Sie finden diese Erfahrungen bereits vor, Erfahrungen mit Menſchen, mit Völkern, mit politiſchen Problemen, und bringen eine politiſche Erbmaſſe mit, die ſie bei deren Anwendung auf ihre Zeit und für die Löſung ihrer Aufgabe beſonders befähigt. Politik wird zur Überlieferung. Es iſt nicht ſo, daß ſie die politiſche Begabung erſetzen kann, obwohl dies bei beſonders politiſchen Nationen zu Zeiten der Fall iſt, wenn der bedeutende Staatsmann ausbleibt, während imemr noch ein beträchtlicher Erfolg ſich einſtellt. Aber es iſt ſo, daß Überlieferung die Politik erleichtert, zu ihr ſchult, auf ſie vorbereitet, und wir brauchen nur die Geſchicke der politiſchen Völker daraufhin anzuſehen, um zu erkennen, daß die ſogenannten glücklichen Völker überlieferungsgemäß geführt worden ſind.

Ja, wir müſſen uns Rechenſchaft darüber geben, daß das deutſche Volk eine derartige Überlieferung nicht beſitzt, und daß ſich aus dieſer Überlieferungsloſigkeit das Unſtetige, das Wandelbare, das Zerriſſene ſeiner Geſchichte erklärt und zuletzt ſein Zuſammenbruch. Wir beſaßen eine derartige Überlieferung im Mittelalter, als unſer Leben eine Einheit war und die in einer ſtetigen Rompolitik geſchulten Paladine der Kaiſer, die geiſtlichen wie die weltlichen, die Reichspolitik vertraten und von der einen Hand in die andere Hand weitergaben. Hernach haben die Hohenzollern in Brandenburg und Preußen eine ſtetige Hauspolitik als Staatspolitik durchgebildet, die der Vater an den Sohn weitergab und die bis Friedrich reichte. Aber dann, als die Dynaſtie ſich mehr und mehr erſchöpfte, und die Herrſcher ſich nach Helfern im Lande und in den Ständen umſahen, folgte alsbald ein Bruch, und erfolgte gerade von der Seite her, an der dieſer preußiſche Staat ſeine beſte Überlieferung beſaß: von der militäriſchen Seite her. Es war nur ſachlich gemeint und ſprach eine Selbſtverſtändlichkeit der militäriſchen Diſziplin aus, daß der Soldat ſich nicht um Politik zu kümmern habe. Gneiſenau, Scharnhorſt, Clauſewitz hatten immer politiſch gedacht. Ihre Geiſtigkeit würde ſich das Politiſche niemals haben verwehren laſſen. Aber im Verlaufe ihres Jahrhunderts konnte geſchehen, daß genau ſo, wie darin alles Geiſtige mißverſtanden worden iſt, auch jenes preußiſche Dogma vom unpolitiſchen Soldaten wortwörtlich genommen wrude und die Armee ſich in der Tat und aus Grundſatz jenſeits von allem Politiſchen hielt, lebte, arbeitete. Andererſeits militariſierte ſich die Politik, mechaniſierte ſich und verſchematiſierte, wurde uniform, indem ſie bürokratiſch wurde, war inſtinktlos und unlebendig, war ohne Pſychologie, und bei aller Überheblichkeit, deren Ziviliſten als Diplomaten gegenüber dem Soldaten fähig ſind, war ihre letzte politiſche Weisheit ſtets das militäriſche Machtmittel. Dies alles ſtrafte ſich im Weltkriege, als die Staatsmänner völlig verſagten und als Feldherren, die plötzlich vor politiſche Aufgaben geſtellt wurden, ſie gewaltſam und gleichſam befehlsmäßig durch Organiſation zu löſen unternahmen, und als ſie, die unvorbereitet waren, ſich in die für ſie neuen und fremden Gebiete mit mächtiger Kopfarbeit einarbeiteten und doch überall die Seele der Dinge ſo verfehlten oder verletzten, daß wir darüber am Ende den Krieg verloren haben. Es ſtrafte ſich auf der ganzen Linie, daß wir in Deutſchland keine politiſche Überlieferung beſaßen, die vielleicht nicht vor Epigonentum bewahrt, die aber vor Dilettantismus bewahrt hätte. Es ſtrafte ſich, daß es den politiſchen Menſchen nicht gab.

III.

Zwiſchen einem Manne und ſeiner Sache liegt nicht nur die zunächſt immer dunkle Frage des richtigen Augenblicks, in dem der Schickſalsmenſch eines Volkes einſetzen muß.

Über den richtigen Augenblick vermag ſich freilich kein Staatsmann hinwegzuſetzen. Aber ſo entſcheidend der Zeitpunkt iſt, den er ſchließlich wählt, ſo ſehr hängt er vom Standpunkte ab, den er mitbringt. Von ihm aus vermag er ſogar ſelber jenen richtigen Augenblick herbeizuführen, indem er die Spannen je nachdem abkürzt oder hinzieht und ſein Ziel einem Plane unterwirft. Aber Vorausſetzung für ſeinen Entſchluß iſt immer, nächſt einer höchſten Verantwortung, eine höchſte Überlegenheit. Vorausſetzung iſt der politiſche Menſch. Immer iſt es ſo, daß die Geſchicke einer Nation die von Gegenſätzen zerſpellt wird, an eine letzte Biegung kommen, an der es nur noch zwei Wege für ſie gibt. Und immer wendet ſich der Wille, die Neigung, das Vertrauen der Nation bereits einem dieſer Wege zu, bevor er als ſolcher eröffnet wird, wendet ſich von der Mitte, in der kein Volk ewig verharren kann, wenn es nicht verſinken ſoll, wendet ſich von dem mittleren Wege, der nur ein Befehl blieb, aber keine Änderung bringt, nach links oder nach rechts. Hier liegt es an dem politiſchen Menſchen, der den Dingen einen letzten Nachdruck zu geben hat, daß er ein Gefühl für die Veränderung mitbringt, die ſich in der Geiſtesverfaſſung der Nation vollzieht. Er muß ein Vertrautſein mit geiſtigen Bewegungen mitbringen, ihm freundlichen hier, ihm feindlichen dort, auf deren mehr weltanſchaulichem Hintergrunde dieſe Veränderungen politiſch vor ſich gehen. Er muß einen Sinn für Unwägbarkeiten beſitzen, die ſich fein und doch ſchwer in die Stimmungen der Menſchen einſchalten, einen Sinn, der vor allem die Umlagerung der Gewichte feſtſtellt. Er muß einen Sinn für Steigen und Sinken der Parteikräfte beſitzen, für ihr Anſchwellen oder Abſchwellen im Lande, einen Blick für Perſonen, die an ihren Platz geſtellt ſein wollen, und nicht zuletzt einen Blick für ſich ſelbſt und für ſeine Machtmittel. Entſcheidend iſt ſein Augenmaß überhaupt, mit dem er die Bedeutung von Menſchen, die Ertragbarkeit von Zuſtänden, die Reichweite von Ereigniſſen abmißt und ſich beizeiten über Dichtigkeit oder Brüchigkeit von Widerſtänden klar wird. Entſcheidend iſt ſein Abſtand zu den Dingen, ein Abſtand, der Überblick ſchafft und der eben das iſt, was die Nation von ſich aus und zu ſich ſelber nicht haben kann.

Die Novemberrevolution hatte dieſen Überblick nicht. Sie, die wie jede Revolution von vorne anfangen wollte, ſetzte ſich über alles hinweg, was nur durch Einfühlung erfaßt werden kann, die dem politiſchen Menſchen gegeben iſt, aber nicht dem experimentierenden Menſchen.

Sie überſchätzte die Vernunft, von der ſie annahm, daß ſie als politiſche Vernunft, von der ſie annahm, daß ſie als politiſche Vernunft mit dem einzelnen Menſchen geboren werde, und lieferte das Land dem Vernunftrechte aus, das den Revolutionären ebenſo zeitgemäß wie fortgeſchritten erſchien und nach deſſen allgemeiner Gültigkeit ſich Deutſchland, wie ſie glaubten, ſchon in der Welt behaupten würde.

Als die Demokratie verſsagte, der Parlamentarismus und alles, was ſich aus dem politiſchen Rationalismus ableiten läßt, da hoffte man wohl, daß nunmehr die Wirtſchaft den Staatsmann ſtellen werde. Aber auch die Wirtſchaft war ohne politiſche Überlieferung. Die deutſchen Wirtſchafter mißverſtanden die Politik als Unternehmung und glaubten, ſie wie ein Geſchäft zwiſchen Völkern abwickeln zu können, während ſie und nicht die Wirtſchaft das Schickſal iſt, das ſich nach dem hohen Gange einer ihm eigenen Geſetzmäßigkeit an den Staaten erfüllt. Es kam daher in dem Kreiſe dieſer deutſchen Wirtſchafter höchſtens zu dem Wunſch, politiſch zu wirken, aber niemals zu dem Entſchluſſe, niemals zu einer wirklichen Machtergreifung. Und in der Summe zeigte ſich nur, daß man den politiſchen Menſchen nicht ohne weiteres dadurch herbeizwingen kann, daß man den geſchäftlich tätigen oder techniſch hervorragenden Mann in ein anderes Gebiet verſetzt. Überlieferung läßt ſich nicht erſetzen.

Es fragt ſich jetzt, ob Überlieferung ſich nachholen läßt? Wir können nicht in alle Zukunft auf einen Bismarck warten, der auch keine Überlieferung vorfand, aber ſich für ſeine Abſichten eines Machtſtaates bedienen durfte und hier mit der Dämonie ſeiner Menſchenkenntnis einſetzte und mit ſeinen ſonſtigen ſtaatsmänniſchen Eigenſchaften, die aus der Verwurzelung ſeiner großen Natur im Lande kamen. Wir müſſen vielmehr mit dem Menſchen und Deutſchen rechnen, der heute lebt, mit dem Menſchen, der durch alle Erſchütterungen von Weltkrieg und Umſturz gegangen iſt und der ſich als Deutſcher in dieſer Zeit von den politiſchen Selbſttäuſchungen ſeines Volkes freigehalten hat.

Es gibt dieſen Menſchen und Deutſchen. Es gibt auch ihn vielleicht erſt in der Vorform, in der Vorbereitung, in einem erſten Verſuche. Er wird überall anknüpfen können, wo ſich noch Spuren einer politiſchen Überlieferung in unſerem Lande erhalten haben, wo es noch politiſche Erbmaſſe gibt, wo in natürlichen Inſtinkten ein politiſches Menſchentum lebt.

Aber auch Überlieferung iſt einmal entſtanden. Auch der politiſche Menſch iſt einmal Verwirrungen entſtiegen, die der unpolitiſche Menſch nicht zu meiſtern verſtand. Und noch immer wurde es ſeine größte Tat, daß er ſeinem Volke, als es Nation wurde, durch das Beiſpiel der Führung die politiſche Überlieferung anfänglich ſchuf.

Samstag, 25. April 2009

(Blaubuch 005) Das Lied der Sänger

Als Damascenus in Qualheim wanderte, kam er an eine Sägemühle, in der ein oberschlächtiges Rad leer ging. Aber draußen am Rand des Flüßchens saßen zwei Männer und sägten mit einer Säge eine Stahlschiene. Das Sägen belgeiteten sie mit einem zweistimmigen Gesang in Prosa, der einem Kneipengezänk glich. ‒ Wovon singt ihr? fragte Damascenus. ‒ Von Glauben und Wissen, antwortete der eine. Und dann begannen sie wieder: ‒ Was ich weiß, das glaube ich: also fällt Wissen unter Glauben, und der Glaube steht darüber. ‒ Was weißt du denn? Was du mit deinem Auge gesehen hast. ‒ Mein Auge sieht nichts von selbst; wenn due es heruas nimmst und hierhin legst, so sieht es nichts. Also ist es mein inneres Auge, das sieht. ‒ Kann ich denn dein inneres Auge sehen? ‒ Das ist nicht zu sehen! Aber mit dem, das nicht zu sehen ist, siehst du. Also mußt du an das Unsichtbare glauben! Jetzt weißt du’s! ‒ Ja ja ja, aber aber aber … Hast du Gott gesehen? ‒ Ja, mit meinem inneren Auge! Darum glaube ich an ihn. Aber du brauchst ihn nicht gesehen zu haben, damit ich an ihn glaube! ‒ Aber das Wissen ist das Höchste. ‒ Jawohl, aber der Glaube ist das Allerhöchste. ‒ Weißt du, was du glaubst? ‒ Ja, trotzdem du es nicht weißt. ‒ Beweise es! ‒ Mit zwei übereinstimmenden Zeugen? Ich will allein hier im Lande zwei Millionen Zeugen zusammen bringen. Das mußd och voller Beweis für dich sein. ‒ Aber aber aber aber … Und so weiter.

Mittwoch, 22. April 2009

(Blaubuch 004) Schlechte Verdauung

Wenn man mehrere große Zahlen addiert, so ist man es sich schuldig, die Richtigkeit der Rechnung zu bezweifeln. Um die Probe zu machen, pflegt man noch einmal zu addieren, aber von unten nach oben. Das ist gesunder Zweifel. Es gibt aber einen ungesunden Zweifel. Der besteht darin, daß man alles leugnet, was man anicht selber gesehen und gehört hat. Seine Mitmenschen als Lügner behandeln ist nicht human und vermindert in bedenklichem Maße unser Wissen. Es gibt einen kranken Zweifel, der an schlechten Magen erinnert: alles wird verschlungen,a ber nichts behalten; alles aufgenommen, aber nichts verarbeitet. Daraus folgt Abmagerung, Entkräftung, Schwindsucht und vorzeitiger Tod. Johannes Damascenus hatte mehrere Jahre gesunden Zweifels durchgemacht, indem er durch systematisches Leugnen die Glaubenswahrheiten prüfte. Als er aber durch Gegenrechnung, die kleinste Quadratwurzel, das Genügen der Werte sicher geworden war, glaubte er. Seitdem konnten weder Menschenfurcht, Gewinn, Geringschätzung noch Drohung ihn veranlassen, seinen teuer erworbenen Glauben zu verleugnen. Und darin hatte er recht.

Montag, 20. April 2009

(Blaubuch 003) Der Wiedehopf, oder: Ein ungewöhnlicher Fall

Johannes befand sich einmal auf einer Wanderung und kam an einen Wald. In einem alten Baum fand er ein Vogelnest mit sieben Eiern, die den Eiern der turmschwalbe glichen. Aber dieser Vogel legt nur drei Eier, also war es nicht sein Nest. Da Johannes ein großer Eierkenner war, sah er bald, daß es die Eier des Wiedehopfs waren. Er sagte sich also: der Wiedehopf muß hier in der Nähe sein, wenn die Bücher auch behaupten, er komme hier nicht vor. Nach einer Weile hörte er ganz richtig die berühmten upp, upp, upp des Wiedehopfes. Da wußte er, daß der Vogel da war. Er versteckte sich hinter einem Stein, und blad erblickte er den gesprenkelten Vogel mit seinem gelben Kamm. Als Johannes nach drei Tagen heimkerhte, erzühlte er seinem Lehrer, daß er den Wiedehopf auf der Insel gesehen habe. Der Lehrer glaubte es nicht, sondern verlangte Beweis. ‒ Beweis? Meinst du zwei Zeugen? ‒ Ja! ‒ Gut, ich habe zweimal zwei Zeugen, udn die stimmen überein: meine beiden Ohren hörten ihn, und meine beiden Augen sahen ihn. ‒ Mag sein, Aber ich habe ihn nicht gesehen, antwortete der Lehrer. Johannes bekam den Namen Lügner, weil er nicht beweisen konnte, daß er den Wiedehopf an der und der Stelle gesehen hatte. Aber es war doch eine Tatsache, daß der Wiedehopf dort vorkam, wenn es auch für diese Gegend ein ungewöhnlicher Fall war.

Sonntag, 19. April 2009

(Blaubuch 002) Der Bohnen Bauernverstand

Der Müller dreht seine Mühle und der Schiffer schotet seine Segel nach der Stärke und Richtung des Windes. Sie sehen den Wind nicht, aber sie glauben an dessen Dasein, da sie seine Wirkungen beobachten. Das sind kluge Leute, die ihren Verstand benutzen. Der Verstand (ratio) oder Bauernverstand ist eine ausgezeichnete Gabe, das Sinnliche zu begreifen, auch wenn es unsichtbar ist. Die Vernunft (Intellekt) ist eine feinere Gabe, mit der man das Unsinnliche begreifen kann. Wenn aber die Rationalisten die höchsten Dinge mit ihrem Bauernverstand begreifen wollen, dann sehen sie das Licht als dunkel, das Gute als böse, das Ewige als zeitlich. Mit einem Wort, sie sehen verkehrt, denn sie sehen natürlich. Ebenso unentbehrlich wie der Bauernverstand ist, wenn man auf den Markt geht, mit Kaffee und Zucker handelt oder Schuldscheine ausstellt; ebenso notwendig ist die Vernunft, wenn man sich dem Übernatürlichen nähern will. Voltaire und Heine werden zu den größten Rationalisten gerechnet, weil sie in geistigen Dingen mit dem Bauernverstand urteilten. Ihre Philosopheme sind deshalb interessant, aber wertlos. Und das Interessanteste bei diesen Männern ist, daß sie ihre Irrtümer entdeckten, sich bankerott erklärten und schließlich ihre Vernunft benutzten. Da aber konnten die Bohnen ihnen nicht mehr folgen. Die Bohnen sind ein klassischer Name für die Philister, die Dagon oder den Fischgott und Beelzebub oder den Dungherrn verehrten.

Samstag, 18. April 2009

(Blaubuch 001) Das dreizehnte Axiom

Euklids zwölftes Axiom lautet bekanntlich: Wenn eine gerade Linie zwei andere gerade Linien so trifft, daß die Innenwinkel auf derselben Seite zusammen weniger als zwei Rechte betragen, so treffen sich diese beiden Linien, wenn sie ins Unendliche verlängert werden, auf der Seite, auf der sich diese Winkel befinden, die zusammen kleiner als zwei Rechte sind. Wenn das ein selbstverständlicher Satz ist, der weder bewiesen werden kann noch bewiesen zu werden braucht, um wieviel klarer ist da nicht das Axiom vom Dasein Gottes? Wer ein Axiom zu beweisen sucht, verliert sich in Unsinn; darum sollen wir nie versuchen, das Dasein Gottes zu beweisen. Wer das Selbstverständliche in einem Axiom nicht begreifen kann, gehört zu den Menschenkindern, denen das Begreifen schwer fällt. Diese Unbegabten soll man beklagen, aber nicht strafen. Will man nun eine Definition von Gott geben, so sagt man zuerst: Er ist allmächtig. Daraus folgt, daß er die Gesetze aufheben kann, die er gegeben hat. Da wir aber nicht alle seine Gesetze kennen, wissen wir nicht, wann er ein für uns unbekanntes Gesetz anwendet oder ein für uns bekanntes aufhebt. Was wir Wunder nennen, kann also nach strengen Gesetzen zustande kommen, die wir nicht kennen. Wir müssen darum ungewöhnlichen oder unerklärlichen Ereignissen gegenüber zusehen, daß wir keine Fehlschlüsse machen. Die ziehen uns das Lächeln und die Geringschätzung der Mitmenschen zu, denen das Begreifen leicht wird.