Montag, 11. Mai 2009

(Blaubuch 006) Al Manssür in der Turnhalle.

Damascenus kam in eine große Turnhalle. Zuerst hielt er sie für leer. Aber bald merkte er: an den Wänden standen Menschen, den Rücken in den Saal gewandt, so daß man nur Perücken und rote Ohren sah.

‒ Warum stehen sie und sehen die Wand an? Und warum haben sie so rote Ohren? fragte er seinen Lehrer.

‒ Sie schämen sich, antwortete der Lehrer. Im Leben galten sie für die größten Witzköpfe; nun aber haben sie ihre Dummheit entdeckt.

‒ Was ist dumm?

‒ Dumm ist erstens, wer sich unpraktisch benimmt. Diese haben ihr ganzes Leben geturnt, aber niemals die Kräfte benutzt, die sie sich erworben haben. Dumm ist ferner der, derm es schwer fällt, einfache Dinge zu begreifen, selbstverständliche Dinge oder Axiome, zum Beispiel das Axiom vom Dasein Gottes. Dumm ist auch, wer einen logischen Beweis nicht begreifen kann; wer für gute Gründe unzugänglich ist, keine richtigen Schlußfolgerungen ziehen kann. Die Höhe der Dummheit aber ist, eine tatsächliche Aufklärung nicht aufnehmen zu können. Als die Apostel Thomas darüber aufklärten, Christus, Gottes Sohn, sei von den Toten auferstanden, vermochte er nicht, die Neuigkeit aufzunehmen, weil sie über seinen Horizont ging. Einen solchen Menschen pflegt ihr dickköpfig zu nennen, nicht wahr?

Damascenus antwortete nicht, sondern bekam rote Ohren, denn er sah hinten am Sprungbrett einen Mann, den er an seinem breiten Nacken und kleinen Ohren zu erkennen glaubte.

‒ Wonach siehst du? fragte der Lehrer.

‒ Wer ist der Mann dort?

‒ Er war oder hieß Al Manssür, der Siegreiche, weil er alle Schlachten verlor außer einer: die über sich selber. Von den Griechen wird er Crysoroas genannt, das ist Goldstrom; aber die Römer sagten Johannes von Damaskus.

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